«Streitpunkt SRG»: Blaulicht

«Held im Tatort, Buhmann auf der Strasse»: SRG Region Basel debattiert das Bild der Blaulichtorganisationen

Zwischen Krimiromantik und hartem Alltag: Beim «Streitpunkt SRG» vom 21. April diskutierten Polizisten und Polizistinnen, Ermittelnde, Gerichtsmedizinerinnen und SRF-Medienschaffende über die Darstellung der Blaulichtorganisationen in Medien und Fiktion. Und darüber, wer oder was das Bild verzerrt.

Wie kann es sein, dass die Blaulichtorganisationen im Fernsehen als Helden gefeiert werden, auf der Strasse aber oft als Buhmänner dastehen? Diese Frage stellte Moderator Matthias Zehnder an den jüngsten «Streitpunkt SRG» der SRG Region Basel. Denn der Widerspruch ist kaum zu übersehen: Der sonntägliche «Tatort» ist die meistgesehene Sendung auf SRF. Gleichzeitig schreibt die Presse über Polizeimisere, Unterbestand, Rassismus- und Sexismusvorwürfe. Die Antworten, die Zehnder im Laufe des Abends aus den Podiumsgästen herausholte, fielen so vielschichtig aus wie das Thema selbst. Während er das Gespräch auf dem Podium führte, sorgte Co-Moderatorin Martina Rutschmann dafür, dass auch das Publikum im Auditorium des SRF-Studios Basel zu Wort kam.

Runde 1: Die Polizei zwischen Publikumsliebling und Prügelknabe

Ist die öffentliche Wahrnehmung der Polizei wirklich so negativ, wie es die Schlagzeilen vermuten lassen? Tosca Stucki, Polizistin in Basel-Stadt, verneinte klar: «Ich finde es gar nicht so. Meine Erfahrungen mit der Bevölkerung sind durchwegs positiv, weil wir ihnen in der Regel helfen.» Adrian Plachesi, Sprecher der Kantonspolizei Basel-Stadt, differenzierte: «Es gibt einen Unterschied zwischen der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung.» Was in den Medien erscheint, spiegelt demnach nicht zwingend wider, was die Menschen auf der Strasse tatsächlich empfinden.
Marco Schönenberger, Leiter des Polizeistützpunkts Arlesheim, brachte ein konkretes Bild ins Spiel. «Heute wird man sofort gefilmt, wenn man aus dem Wagen steigt. Aber die Ausschnitte, die dann tatsächlich gezeigt werden, sind oft nur eine Momentaufnahme», sagte er. Vorangegangene Deeskalationsversuche blieben dabei meist unsichtbar, was zu einem verzerrten Bild führe.

Dabei ist Kritik an sich durchaus willkommen, wie Plachesi betonte: «Lieber eine kritische Journalistin, ein kritischer Journalist als jemand schlechtes.» Was fehle, sei manchmal schlicht die Zeit für gründliche Recherche. Adrian Gaugler, Mediensprecher der Baselbieter Polizei, nannte einen weiteren Aspekt: «Ich finde es wichtig, mehr in die Ausbildung der jungen Journalistinnen und Journalisten zu investieren, damit sie die Polizeiarbeit, oder auch den Strafprozess verstehen.»

Einig war man sich auch in der Kritik am Krimibild. Tosca Stucki brachte es direkt auf den Punkt: «Es nervt mich, weil die Realität von uns Polizisten anders ist. Im Tatort wird die Beteiligung der Uniformierten unter den Teppich gekehrt.» Dabei seien es gerade sie, die bei einem Tötungsdelikt zuerst vor Ort seien, das Gebäude sicherten und zahlreiche Entscheidungen fällten. Im Krimi hingegen heben sie allenfalls das Absperrband.

Runde 2: Kriminalpolizei und Forensik, die Wirklichkeit hinter dem CSI-Effekt

In der zweiten Runde nahmen ein Forensiker, eine Kriminalermittlerin und eine Gerichtsmedizinerin die Fiktion auseinander. Milena Jossen, Leiterin der Kriminalpolizei der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt, stellte klar: «Ich bin selbst mit dem sonntäglichen Tatort im TV aufgewachsen. Jetzt an der Front sehe ich, dass es vollkommen anders abläuft.» Frühmorgens rücke man nicht gestylt aus und vor allem: «Wir brauchen Zeit. Viel Zeit. Selten wird sofort am Tatort eine Zeugin befragt.»
Während im Film der Fall in 90 Minuten gelöst wird, dreht sich die reale Ermittlungsarbeit um das Wie, nicht das Wer. «In der Realität geht es darum, wie es passiert ist», erklärte Jossen. «Wir müssen alle Regeln und Gesetzesvorschriften berücksichtigen, damit es vor Gericht verwertbar ist. Die Verteidigung sucht jeden Schwachpunkt in unseren Ermittlungen.»

Patrick Dormann, stellvertretender Leiter Forensik Basel-Landschaft, schilderte anschaulich, wie sein Arbeitsalltag wirklich aussieht. Er betrete einen Tatort grundsätzlich im Vollschutz, um keine eigenen Spuren zu hinterlassen und sich vor Gefahren wie Blut zu schützen. Jeder Quadratzentimeter werde akribisch untersucht. Von der Filmfigur des lässig gekleideten Ermittlers, der ungeschützt durch den Tatort streift, ist das weit entfernt. Den «Tatort» schaut er übrigens trotzdem gerne. Gerade weil er so weit von seiner eigenen Arbeit entfernt sei.

Gerichtsmedizinerin Dr. Kathrin Gerlach ergänzte: «Wir stellen Hypothesen den Spuren gegenüber. Unsere Untersuchungen sind nicht nur eine Belastung, sondern können auch eine Entlastung für einen falsch Beschuldigten sein.» Und wenn Angehörige in der Realität eine Leiche identifizieren müssten, sei das eine hochprofessionelle und würdevolle Situation: «Wir gehen mit dem Körper des Verstorbenen hochanständig um – das hat mit dem, was man im Film sieht, nichts zu tun.»

Runde 3: SRF zwischen Auftrag, Quote und Dramaturgie

In der letzten Runde erklärten sich die Medienschaffenden. Patrick Künzle, Leiter Regionaljournal BS/BL, verteidigte die Berichterstattung: «Wir berichten mit unseren ausgewogenen SRF-Standards. Aber wenn zum Beispiel beim Schefer-Bericht kritisch über die Polizei berichtet wird, dann berichten wir eben über das, was dort drinsteht.» Negative Berichterstattung sei also oft nicht Absicht, sondern Spiegelbild von Ereignissen.
Seine Stellvertreterin Nina Gygax ergänzte mit einem Beispiel aus ihrer eigenen Praxis: «Unsere Aufgabe ist es hinzuschauen und beide Seiten darzustellen. Aber bei Demos können wir oft nicht vorne dabei sein, einerseits wegen der Gefahr, aber auch weil wir schlicht nicht hinkommen.» Dass positive Geschichten durchaus möglich sind, bewies sie anhand ihrer Berichterstattung über das Bootcamp der Polizei, einen Sporttest für angehende Polizistinnen und Polizisten, und zeigte damit, dass der Alltag hinter der Uniform mehr zu bieten hat als Schlagzeilen.

Doch die Berichterstattung ist nur die eine Seite. Die andere ist die Fiktion. Und dort gelten andere Gesetze als die der Strafprozessordnung. Hier zählen Dramaturgie, Spannung und die Erwartungen eines Millionenpublikums.

Gabriella de Gara Bucciarelli, Leiterin «Tatort Schweiz», betonte die Bemühungen um Authentizität: «Wir sind im engen Austausch mit der Zürcher Polizei, legen jedes Drehbuch vor und prüfen, was wir realistischer machen könnten.» Doch das Genre setze enge Grenzen. «Die wahre Kleinarbeit in der Realität passt nicht in die Ökonomie von 90 Minuten. Die Spannung darf nie abfallen», sagte sie. Als Gegenbeispiel verwies sie auf das neue RTS-Format «Uniform», das genau diesen Schritt wagt: eine Serie, die den echten Alltag der Polizei ins Zentrum stellt und zeigt, was im Krimi meist unsichtbar bleibt.

Krimiautor und SRF-Redaktor Raphael Zehnder, der bereits den Schweizer Krimipreis gewonnen hat, erinnerte daran, dass Polizisten und Polizistinnen genauso Menschen sind wie wir: «Sie sind das Abbild unserer Gesellschaft in einem Beruf mit besonderen Situationen.»

Zum Abschluss meldete sich Polizeisprecher Plachesi zu Wort: «Es ist auch toll, dass der Krimi so erfolgreich ist. Es geht um die Action, den Kampf gegen das Böse. Und nicht umsonst ist der Polizist immer noch der Lieblingsberuf vieler Kinder.» Milena Jossen stimmte zu: «Es ist die Verbindung einer grossen Faszination, egal ob in der Realität oder Fiktion.»