«SRG.Diskutiert»: Wo spielt die Musik zwischen SRG und Streaming?
Rund fünfzig Besucherinnen und Besucher fanden sich am 10. Februar 2026 in der Kuppel Basel ein, um am öffentlichen Talk der Reihe «SRG.Diskutiert» teilzunehmen. Die SRG Region Basel widmete den Abend der Frage, welche Rolle die SRG im heutigen Spannungsfeld zwischen Service public und globalen Streamingplattformen einnimmt und welche Zukunft die Schweizer Musikszene in diesem veränderten Umfeld erwartet. Auf dem Podium diskutierten die Musikerin Jasmin Albash, Theresa Beyer, Leiterin Musik bei SRF Kultur, SUISA‐Jurist und Musiker Benjamin Gut sowie der Musiker und Veranstalter Jeroen van Vulpen. Moderiert wurde die Diskussion vom Kulturjournalisten und langjährigen SRF‐Radiomoderator Eric Facon.
Radio bleibt unverzichtbar
Schnell wurde deutlich, dass sich alle Beteiligten in einem zentralen Punkt einig waren: Streaming ersetzt das Radio nicht. Obwohl Spotify und andere Plattformen den Alltag vieler Menschen prägen, bleibt das Radio für die meisten eine wichtige Ergänzung. Dabei gehe es nicht nur um Musikvielfalt, sondern auch um Einordnung und redaktionelle Auswahl. Immer wieder wurde betont, dass Streaming zwar bequem sei, seine Grenzen aber offensichtlich seien. So sei auf Plattformen wie Spotify kaum erkennbar, ob ein Stück von Menschen oder von künstlicher Intelligenz geschaffen wurde. Zudem fehle die kuratierte Vielfalt, wie sie früher etwa in Radiospecials vermittelt worden sei, die neue Türen öffneten und Hörerinnen und Hörern ausserhalb ihrer gewohnten Musikblase Begegnungen mit Unbekanntem ermöglichten.
Ein Publikumsvotum brachte eine Nuance Nostalgie in den Saal. «Das alte DRS3», das einst als «Störsender» galt, klinge heute eher wie ein Privatsender. Gewünscht wurde eine mutigere Musikauswahl, etwas «Freakigeres», wie es früher selbstverständlich gewesen sei. Die Hyperpersonalisierung im Streaming führe dagegen dazu, dass man «nur noch hört, was man ohnehin schon kennt».
Musik braucht Räume und Anerkennung
Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion lag auf der Frage, wo Künstlerinnen und Künstler sich heute überhaupt noch zeigen können. Mit Sorge wurde festgestellt, dass die Zahl der Plattformen schrumpft und kaum jemand vom Streaming leben könne. Die Einnahmen entstünden weiterhin über Konzerte und physische oder digitale Verkäufe. Dafür brauche es aber das Radio als Plattform für Sichtbarkeit. Jeroen van Vulpen brachte die Stimmung des Podiums auf den Punkt: «Musik ist keine Content‐Ware. Musik ist Kunst.» Die journalistische Einordnung fehle im Streaming vollständig, dort werde Musik zu einem blossen Service degradiert, statt als kulturelles Produkt gewürdigt zu werden.
Jasmin Albash betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung kultureller Bildung. «Wir müssen unseren Kindern beibringen, wie man Kultur konsumiert und wie man sie einordnet», sagte sie.
Zwischen Marktlogik und Service public
Ein deutliches Spannungsfeld zeigte sich in der Frage, wie sich SRG‐Sender gegenüber Streamingplattformen positionieren sollen. «Die SRG muss nicht der Marktlogik folgen», sagte Jeroen van Vulpen. Theresa Beyer wies hingegen auf die Realität des Radiomarktes hin. «Radio ist knallhart. Wir müssen den Sweet Spot treffen», sagte sie. Wenn etwas nicht gefalle, seien die Leute sofort weg.
Gleichzeitig bleibt die SRG eine zentrale Förderin der Schweizer Musik. Benjamin Gut erklärte eindrücklich, welche Bedeutung die Urheberrechtsvergütungen haben: Die SRG ist die grösste Lizenznehmerin der SUISA und zahlt jährlich rund 18 Millionen Franken, wovon 87 Prozent direkt an die Urheberinnen und Urheber fliessen. Sollte die Halbierungsinitiative Erfolg haben, würden diese Gelder massiv sinken. «Wenn nur noch die Hälfte gespielt wird, fehlen den Musikerinnen und Musikern diese Mittel», warnte Gut.
KI‐Musik und die Frage der Transparenz
Der Blick in die Zukunft brachte weitere Herausforderungen zutage. Gut verwies darauf, dass bereits 97 Prozent der Hörerinnen und Hörer KI‐Musik nicht mehr von echter unterscheiden könnten. In Werbung, Film und als Hintergrundmusik werde sich KI wohl durchsetzen.
Die Wünsche an die SRG waren klar formuliert. Benjamin Gut appellierte, nicht denselben Weg wie einige Privatradios zu gehen und in der Nacht KI‐Musik einzusetzen, nur um SUISA‐Gebühren zu umgehen. Wo kein Urheberrecht besteht, entstehen zwar keine Kosten, doch die Leidtragenden seien die Kunstschaffenden.
Jasmin Albash forderte mehr Mut und Haltung: «Seid mutig! Steht für eure Werte ein.»
Besonders wichtig sei künftig das Labeling von Musikstücken, betonte Jeroen van Vulpen. Hörerinnen und Hörer müssten erkennen können, ob ein Individuum hinter einem Werk steht.
Zwischen Streaminglogik und Service‐public‐Verantwortung
Der Talk machte deutlich, wie eng Radio und Streaming mittlerweile nebeneinander existieren und wie wichtig ein unabhängiger Service public für die Schweizer Musikszene bleibt. Streaming eröffne zwar viele neue Möglichkeiten. Die meisten Musikschaffenden könnten davon aber kaum leben. Zudem werde innovative Musik durch hyperpersonalisierte Algorithmen gebremst. Die SRG möchte dieser Entwicklung etwas entgegensetzen: kuratierte Inhalte, redaktionelle Verantwortung und das Bekenntnis zur Musik als kulturelles Gut.